Wenn Frau Erna am Küchentisch sitzt und das Schwarzbrot schneidet, führt sie das Messer mit einer beinahe rituellen Präzision. Danach führt sie die hohle Hand über die Holzplatte, um auch den letzten Krümel aufzufangen. Es ist keine Geste des Geizes, sondern eine der tiefen Ehrfurcht. In den Nachrichten hört sie von der Teuerung in Österreich, von Rekordpreisen für Butter und der Debatte um eine Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel. Sie nickt nur still. Für sie ist Verzicht kein Modewort, sondern eine Lebensschule.
Während wir heute über den „Verzicht“ auf das Zweitauto oder das neueste Smartphone diskutieren, ist die Generation unserer Pensionisten in einer Welt aufgewachsen, in der Sparsamkeit die einzige Überlebensstrategie war. In der Nachkriegszeit wurde nichts weggeworfen. Aus altbackenem Brot wurde ein Scheiterhaufen, aus den Resten des Sonntagsbratens das Gröstl für den Montag. Diese Generation hat gelernt, dass der Wert eines Produkts nicht auf dem Preisschild steht, sondern in der Arbeit und dem Boden steckt, der es hervorgebracht hat.
Wenn nun über Steuersenkungen auf Brot, Milch und Eier diskutiert wird, geht es um weit mehr als um ökonomische Kennzahlen. Es geht um die Würde jener, die heute mit schmalen Pensionen im Supermarkt stehen und im Kopf mitrechnen müssen. Sie, die Österreich mit eisernem Willen wiederaufgebaut haben, spüren die Inflation nicht nur im Geldbeutel, sondern als Bedrohung ihrer mühsam erarbeiteten Sicherheit.
Eine Senkung der Steuern auf Grundnahrungsmittel wäre eine notwendige Anerkennung dieser Lebensleistung. Es ist ein Akt der Fairness gegenüber jenen, die wissen, dass ein voller Kühlschrank niemals selbstverständlich ist. Ein Blick in Frau Ernas Küche lehrt uns: Respekt beginnt bei der Wertschätzung des Kleinsten. Denn wer gelernt hat, mit wenig glücklich zu sein, hat es verdient, dass das Wenige am Ende des Monats noch zum Leben reicht.
