In unserer Mitgliederzeitschrift „UG – Unsere Generation“ erklärt uns Expertin Silvia Merschitsch, warum niemand „Angst“ davor haben muss, seine Vermögens- Angelegenheiten für den Ernstfall zu regeln. Keiner von uns denkt gerne daran, dass er vielleicht irgendwann durch eine Krankheit wie Demenz oder einen Unfall nicht mehr in der Lage sein könnte, über seine Finanzen alleine zu verfügen. Auch Themen wie die Weitergabe von Vermögen oder das eigene Testament schieben wir gerne vor uns her. Dabei wäre es so wichtig, seine finanziellen Angelegenheiten rechtzeitig und selbstbestimmt zu regeln. Zum eigenen Wohle und dem der Angehörigen.
Silvia Merschitsch ist Expertin für die komplexe Thematik der Vertretungsregelungen bei Bankkonten und Vermögen. Sie spricht im Interview mit „UG – Unsere Generation“ über ihre beruflichen Erfahrungen als Vermögensberaterin, die häufigsten Fragen rund um das Thema Finanzen im Alter und ihre eigenen, persönlichen Erlebnisse als pflegende Angehörige.
In der ersten Ausgabe des Jahres 2026 von “UG-Unsere Generation” wurde eine gekürzte Version des Interviews gedruckt. Hier gibt es das komplette Interview:
UG: Frau Merschitsch, was waren Ihre Beweggründe, das Buch „Geregelte Finanzen im Alter“ zu verfassen? Welche Botschaft möchten Sie mit dem Ratgeber vermitteln?
Silvia Merschitsch: Mein Ziel ist es, durch viel Aufklärung Mut zu machen, sich mit dem Thema der rechtzeitigen Vertretungsregelung im gesundheitlichen Notfall sowie Vermögensaufteilung auseinanderzusetzen. Auf diese Weise kann man viele Konflikte und Streitigkeiten sowie
belastende Situationen für die Betroffenen und vor allem für die Angehörigen vermeiden.
UG: Wenn keine rechtzeitigen Regelungen erfolgt sind, mit welchen Schwierigkeiten ist zu rechnen?
Angehörige dürfen ohne Vollmacht keine wichtigen Entscheidungen treffen, etwa bei Bankgeschäften oder medizinischen Fragen. Das kann zu
Konflikten in der Familie und zu finanziellen Nachteilen führen wenn z. B. wenn kein Zugriff zum Bankkonto möglich ist. Aber auch bei der Vermögensaufteilung treten ständig Konflikte zwischen Erbberechtigten auf, sei es durch unterschiedliche Wertvorstellungen oder etwa ganz klassisch bei der Aufteilung des Elternhauses zwischen zwei Geschwistern.
UG: Was können Angehörige tun, um ihre Eltern oder Betroffene im Verwandten-/Bekanntenkreis mehr für dieses Thema zu sensibilisieren?
Wichtig ist ein offenes, respektvolles Gespräch, bei dem die Sorgen und Wünsche der Betroffenen ernst genommen werden. Hilfreich ist es auch, Informationsmaterial oder neutrale Veranstaltungen gemeinsam Vorsorgen für den Ernstfall. Wer seine finanziellen Angelegenheiten
rechtzeitig regelt, kann noch selbst entscheiden, wer sie/ihn vertritt und erspart seinen Angehörigen viele Behördengänge.
UG: Was sind die wichtigsten ersten Schritte, um sich mit den Vorsorgeregelungen auseinanderzusetzen?
Dass es eine Auflistung zu den Vermögenswerten gibt und der Ehepartner bzw. nahe Angehörige weiß, wo diese Liste aufbewahrt wird. Dann gilt es zu klären, wer infrage kommt, die betroffene Person im gesundheitlichen Notfall zu vertreten und was sie regeln darf. Im Erstgespräch beleuchte ich etwa als neutrale Fachperson gemeinsam mit den Betroffenen ihre Familiensituation sowie mögliche Optionen der Vertretungsregelung und Finanzvorsorge.
UG: Welche Ansprechstellen empfehlen Sie zu diesem Thema?
Geeignete Anlaufstellen sind Notare, Rechtsanwälte mit Spezialisierung auf Erbrecht und Vorsorge sowie Erwachsenenschutzvereine. Auch die Seniorenorganisationen oder Banken bieten Informationsbroschüren und erste Orientierung – sowie mein Ratgeber und meine begleitende
Beratung.
UG: Viele Menschen sagen: „Das betrifft mich noch nicht.“ Warum ist das ein Trugschluss?
Vorsorgeregelungen werden oft aufgeschoben, weil viele sie mit hohem Alter verbinden. Dabei kann rechtliche und finanzielle Handlungsunfähigkeit völlig unerwartet und altersunabhängig eintreten. Ein Unfall oder eine plötzliche Erkrankung kann jeden treffen. Vorsorge ist daher kein Zeichen von Alter, sondern von Verantwortung. Wer frühzeitig handelt, entscheidet selbst, wer im Ernstfall vertreten darf – und erspart Angehörigen Unsicherheit, Konflikte und aufwendige bürokratische Schritte.
UG: Wo erleben Sie in der Praxis die größten Missverständnisse rund um Bankkonten und Vollmachten?
Gerade bei Bankgeschäften bestehen viele Missverständnisse darüber, wer im Ernstfall tatsächlich handlungsbefugt ist. Im gesundheitlichen Notfall ist er wichtig, dass Ehepartner/Kinder bzw. nahe Angehörige bei Bankgeschäften unterstützen können. Ohne entsprechende Vollmacht, vorher eingerichtete Kontoberechtigung oder Erwachsenenvertretung ist ein Zugriff jedoch nicht möglich. Daher ist es entscheidend diese Regelungen vorausschauend zu treffen.
UG: Sie sprechen auch aus eigener Erfahrung als pflegende Angehörige. Was war für Sie persönlich besonders belastend?
Besonders belastend war für mich die Kombination aus emotionaler Verantwortung und fehlender rechtlicher Handlungsmöglichkeit. Plötzlich stehen Entscheidungen zu Pflege, Versorgung und Finanzen an – oft unter Zeitdruck und ohne klare Zuständigkeiten. In der Praxis übernehmen Angehörige häufig Verantwortung, ohne vorbereitet zu sein. Meine eigenen Erfahrungen und die vielen notwendigen Wege für meine Eltern haben mich darin bestärkt, andere frühzeitig aufzuklären. Mein Buch soll beiden Seiten Orientierung geben: den Betroffenen, um selbstbestimmt vorzusorgen, und den Angehörigen, um zu wissen, was möglich ist und wo Unterstützung notwendig ist.
UG: Mit welchen Regelungen sollte sich jede Person auseinandersetzen?
Schon wenige grundlegende Unterlagen entscheiden im Ernstfall über Handlungsfähigkeit oder Stillstand. Erstens eine passende Vorsorgevollmacht bzw. Vertretungsregelung für den Notfall. Zweitens eine übersichtliche Aufstellung der Vermögenswerte und Konten. Und drittens eine klare Regelung zur Vermögensweitergabe – etwa durch Testament, Schenkung auf den Todesfall oder eine Vermögensaufteilung zu Lebzeiten. Diese drei Punkte schaffen bereits ein hohes Maß an Sicherheit.
UG: Wo finden Interessierte weitere Informationen und wie sieht Ihre beratende Begleitung aus?
Neben allgemeiner Information ist oft eine individuelle Begleitung entscheidend, denn jede familiäre und finanzielle Situation ist anders. In meiner Beratung unterstütze ich zunächst bei der übersichtlichen Erfassung der Vermögenswerte. Anschließend werden mögliche unterstützende Personen aus dem Familien- oder Umfeldkreis betrachtet und gemeinsam überlegt, wer im Notfall welche Aufgaben übernehmen kann. Überlegungen zur Vermögensweitergabe im Todesfall oder zur Vermögensaufteilung zu Lebzeiten zu besprechen. Die Beantwortung rechtlicher Fragen sowie die Erstellung der notwendigen Dokumente übernehmen anschließend Rechtsanwälte, Notare bzw. bei Erwachsenenvertretung auch Erwachsenenschutzvereine. Auch wenn der Vorsorgefall bereits eingetreten ist und keine Regelung mehr möglich war, begleite ich bei den notwendigen nächsten Schritten. Neben meinem Ratgeber „Geregelte Finanzen im Alter“ und meinem Hör-Podcast biete ich für Beratung, neutrale Konfliktbegleitung bei Vermögensfragen, Vorträge und Informationsveranstaltungen an. Wichtig ist, sich nicht allein zu fühlen – es gibt Unterstützung und klare Wege.


