PVOÖ: Wie bist du auf die Idee gekommen, die OMAS GEGEN RECHTS zu gründen?
Monika Salzer: Als am 15. Oktober 2017 bekannt wurde, dass die rechtsextreme FPÖ wieder in der Regierung sein würde, war ich irritiert und völlig fertig. Am Abend der Beerdigung meiner Mutter habe ich mir die Fotos meiner Vorfahrinnen angesehen. Ich dachte mir: Was haben diese Frauen damals alles riskiert – und wie großartig waren sie! Und was machen wir heute? Wir haben eigentlich nichts zu befürchten, also müssen wir doch etwas tun. Wir sollten uns unsere Ahninnen zum Vorbild nehmen.
In dieser Nacht gründete ich die Facebook-Gruppe OMAS GEGEN RECHTS. Das erste Bild auf der Seite zeigte meine Urgroßmutter – eine resolute Hebamme im 10. Wiener Gemeindebezirk, einem Arbeiterbezirk. Sie war verehrt und gefürchtet zugleich (lacht). Mit diesem Foto habe ich die Gruppe eröffnet. Der Text dazu beschrieb, wofür wir stehen, und enthielt das Statement: „Alt sein heißt nicht stumm sein!“
Von der Beerdigung meiner Mutter hatte ich eine Kondolenzmappe. Die habe ich kurzerhand umgedreht und mit Leuchtschrift „OMAS GEGEN RECHTS“ daraufgeschrieben. Innerhalb eines Monats hatten wir unser Lied, unseren Text, die Hauben und die Buttons.
Im Dezember 2017 waren wir bereits am Heldenplatz bei einer Demonstration der ÖH gegen die Angelobung der neuen Regierung – gemeinsam mit vielen Studentinnen und Studenten. Dort sangen wir erstmals unser Lied: „Omas, Omas, uns braucht das ganze Land!“ Die jungen Leute haben uns begeistert beklatscht.
PVOÖ: Warum ist es so wichtig, älteren Frauen eine Stimme zu geben?
Monika Salzer: Vor acht Jahren war eine Oma vor allem mit Schaukelstuhl, Apfelstrudel und Enkeln verbunden. Heute ist es so: Wenn man im Netz „Oma“ eingibt, dann kommen wir – die OMAS GEGEN RECHTS.
PVOÖ: Ihr habt so lustige, bunte Hauben. Was bedeuten sie?
Monika Salzer: Ich habe mir überlegt, wie wir im November und Dezember öffentlich sichtbar werden können, wenn es früh dunkel ist und so viele schwarz gekleidete Menschen unterwegs sind. Ich habe im Internet recherchiert und verschiedene ungewöhnliche Hauben gefunden. Dann habe ich die Facebook-Gruppe gefragt: Rot? Nein. Lila? Nein. Schließlich hat Maria Moser die sogenannten Pussy-Hats der Demonstrantinnen gegen Trump entdeckt und uns eine Strickanleitung geschickt.
PVOÖ: Gibt es eine Altersbeschränkung oder eine „Enkelpflicht“, um eine OMA GEGEN RECHTS zu sein? Und eine Frage, die immer wieder auftaucht: Gibt es bei euch auch Opas?
Monika Salzer: Es gibt weder eine Enkelpflicht noch eine Altersbeschränkung. Wir sind auch für Männer offen, wenn sie mitmachen und sich „Oma“ nennen wollen. Unsere jüngste OMA GEGEN RECHTS war beim Eintritt gerade einmal 35 Jahre alt – ohne Kinder und ohne Enkel. OMAS GEGEN RECHTS ist eine Haltung.
PVOÖ: Welche Inhalte und Themen sind für die OMAS GEGEN RECHTS wichtig?
Monika Salzer: Von Anfang an haben wir klar formuliert, wogegen wir aufstehen: gegen Rechtsextremismus, gegen Rassismus, gegen Antisemitismus – und für die Erhaltung der Demokratie, für eine für die jungen Generationen lebenswerte Umwelt sowie selbstverständlich für die Menschenrechte. Die OMAS GEGEN RECHTS in Österreich sind eine Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest.
PVOÖ: Man sieht euch immer wieder bei Demonstrationen. Welche Aktionen macht ihr darüber hinaus?
Monika Salzer: Sehr häufig sind derzeit Interviews mit Studierenden, die unsere Geschichte kennenlernen möchten. Wir veranstalten aber auch Performances, etwa „OMAS on Stage“ in Wien, Tirol oder der Steiermark. Außerdem organisieren wir Theateraufführungen oder halten Reden bei Demonstrationen, zu denen wir eingeladen werden.
Gemeinsam mit dem Mauthausen Komitee sind die OMAS in Oberösterreich sehr aktiv in der Erinnerungskultur. In Wien stehen wir seit fünf Jahren an fünf Tagen pro Woche mit Mahnwachen für Menschen auf der Flucht vor dem Bundeskanzleramt. Auf der Ringstraße halten wir regelmäßig Mahnwachen gegen Rechtsextremismus ab.
PVOÖ: Wie sind die Reaktionen auf die OMAS GEGEN RECHTS?
Monika Salzer: Die meisten Reaktionen sind sehr positiv, besonders von jungen Menschen. Natürlich gibt es auch Leute, die meinen, sie müssten uns beschimpfen. Ein übrig gebliebener Nazi hat sogar meine Adresse herausgefunden und mir Postkarten mit Insektenmotiven geschickt, um zu zeigen, dass er uns für Ungeziefer hält.
Das Positive ist jedoch: Seit die Gefahr bestand, dass Herbert Kickl wieder Regierungsverantwortung übernehmen könnte, hatten wir enormen Zulauf. In Österreich sind wir mittlerweile über 1.200 OMAS, davon allein 214 Vereinsmitglieder in Oberösterreich. In Deutschland explodieren die Zahlen: Dort sind bereits zwischen 30.000 und 40.000 OMAS aktiv. Besonders im Norden sind sie als Graswurzelbewegung unglaublich engagiert und betreiben unter anderem den Podcast „OMA Evolution“. Im Süden Deutschlands sind die OMAS – ähnlich wie in Österreich – als Verein organisiert.
In Österreich verstehen wir uns als Plattform für ältere Frauen, die sich für gesellschaftlichen Zusammenhalt, Menschenrechte und Demokratie einsetzen. Wir nennen uns bewusst OMAS GEGEN RECHTS – denn „Omas für die Demokratie“ wäre zu unverbindlich. Wir sind gegen Rechtsextremismus. Deshalb haben wir auch Ecken und Kanten.
PVOÖ: Wie man hört, wurdet ihr vom Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen empfangen und geehrt. Gab es noch andere Ehrungen und Preise?
Monika Salzer: Ja, das war ein sehr schöner Empfang anlässlich unseres fünfjährigen Bestehens in der Präsidentschaftskanzlei. Vom Bundespräsidenten haben wir ein wunderbares Geschenk bekommen: eine riesige Schachtel mit Wolle und Stricknadeln.
Außerdem erhielten wir den Menschenrechtspreis der Liga für Menschenrechte. Zwei weitere Auszeichnungen habe ich von deutschen Institutionen bekommen. Zuletzt durfte ich für die OMAS den Frauenpreis der Stadt Wien entgegennehmen.
PVOÖ: Wie ist euer Verhältnis zur Politik?
Monika Salzer: Wir halten Äquidistanz zu allen politischen Parteien. Zu Beginn haben einige Parteien versucht, die OMAS GEGEN RECHTS zu vereinnahmen – das mussten wir abwehren. Wir halten Vorträge und stehen im Austausch mit politischen Parteien. Die ÖVP und die FPÖ kommen allerdings nicht auf uns zu. Das hängt sicher damit zusammen, dass die Kurz-Regierung ein wesentlicher Gründungsgrund für die OMAS war.
PVOÖ: Wie finanzieren sich die OMAS GEGEN RECHTS?
Monika Salzer: Ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und private Spenden.
PVOÖ: Du hast die deutschen OMAS erwähnt. Wo gibt es sonst noch OMAS GEGEN RECHTS?
Monika Salzer: Die größte Bewegung gibt es – wie erwähnt – in Deutschland. Heuer wurden auch OMAS in der Schweiz gegründet. Es gibt Anfragen aus Portugal und den Niederlanden, Gruppen in Südtirol und Polen sowie Initiativen in den USA, wo sich ebenfalls ältere Frauen gesellschaftspolitisch engagieren. Es ist ein internationaler Trend. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass wir heute relativ alt werden, vergleichsweise gut gebildet sind und uns oft schon in jungen Jahren engagiert haben. Diese Gruppen sind allerdings nicht organisatorisch mit dem Verein OMAS GEGEN RECHTS in Österreich vernetzt.
PVOÖ: Die OMAS GEGEN RECHTS sind in allen Bundesländern vertreten. Wie sind so viele OMAS in Österreich vernetzt?
Monika Salzer: Wir informieren über unsere Homepage sowie über soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und BlueSky. Als Verein halten wir jährlich eine Generalversammlung ab, zu der alle Mitglieder eingeladen sind. Zusätzlich vernetzen wir uns in Wien und in den Bundesländern über WhatsApp-Gruppen und natürlich über persönliche Treffen, etwa bei „OMAS on Stage“, Five o’Clock-Treffen oder Jour fixes.
INFO: So kann man Mitglied werden: https://omasgegenrechts.at/werden-sie-mitglied-bei-den-omas-gegen-rechts
Wordrap mit Monika Salzer
Ich freue mich über… … meine Enkelkinder
Ich ärgere mich, wenn… … Rechtsextreme jeden Anstand vermissen lassen
Die Person wollte ich wirklich mal treffen: Simone de Beauvoir
Alt werden heißt für mich… … eine neue Freiheit haben
Ich wünsche mir für 2026… … dass die Demokratien gestärkt werden
